Der "neue" BVB unter Tuchel: Euer Fazit?

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Bagstone
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Der "neue" BVB unter Tuchel: Euer Fazit?

Beitrag von Bagstone » 14.12.15 19:05:54

Aus gegebenem Anlass - die Hinrunde ist fast vorbei - hier mal mein Fazit, und mich würde eures interessieren. Wir ihr wisst bin ich nicht grade ein grosser Fan unseres neuen Trainers gewesen (und das ist noch sehr milde ausgedrückt). Auch wenn ich mir jetzt nich grade sein Konterfei auf den Rücken tätowieren lassen würde, hat er mich in einigen Belangen positiv überrascht. Nichtsdestotrotz gibt's auch noch einige Baustellen.

Achtung, das ist nicht als "Lobhuddelei" gedacht, sondern ich versuche eher zu gucken wo's noch Verbesserungsbedarf gibt. Darum sind einige der nun folgenden Punkte eher kritisch gefasst.

Punkt 1: "Mentalitätsmonster"

Der Begriff stammt zwar von Klopp, aber Tuchel hat daran nochmal gearbeitet - und ihn verändert. Was Klopp damit meinte war der Wille, am Ende noch den "lucky punch" zu setzen (Höhepunkt sicherlich gegen Malaga), aber auch die Bereitschaft wenn's um nix mehr geht trotzdem noch die Extra-Meter zu laufen. Ersteres ist unter Tuchel immer noch vorhanden - und meiner Meinung nach noch besser als unter Klopp. Unter Klopp war die Schlussoffensive zwar auch kontrolliert und nicht immer chaotisch, aber dennoch geprägt von einem sehr robusten Stil. Ich würde das mal als "kontrollierte Brechstange" bezeichnen, glaube so hat der Pöhler das auch nach Malaga tituliert. Tuchel hingegen setzt auf eine feinere Klinge (siehe das Tor gegen Wolfsburg). Am Anfang der Saison hat er mal was kluges gesagt: Spieler glauben oft an so Phrasen wie "wenn man die Dinger nicht macht rächt sich's am Ende" und so, d.h., durch eigenes Denken und falsches Reflektieren bringt man sich selbst psychologisch in die Bredouille. Das hat er den Spielern ganz klar ausgetrieben, und hier zeigt sich die Wahnsinnsmentalität dass man Spiele jederzeit drehen kann, selbst wenn der Gegner mal 3:0 nach 22 Minuten führt. Ich habe keine Statistik zur Hand, aber würde mal behaupten dass wir in dieser Halbserie mehr Spiele gedreht haben als jemals in einem ganzen Jahr unter Klopp. Ich glaube dass das ein wahnsinnig dickes Pfund ist; es zeigt dem Gegner dass es egal ist wieviele Tore man gegen uns schiesst, wir können immer zurückkommen. Das zweite Klopp'sche Merkmal, das Anrennen wenn es um nix geht, sehe ich beim BVB nicht. Klar, es sind einige Kantersiege dabei - aber oft aus der Situation heraus dass man 0:1 hinten lag und dann halt nicht 1 oder 2, sondern 3+ Tore braucht um den Sieg klarzumachen, siehe gestern. Aber die peinlichen EL-Vorstellungen zeigen dass Tuchel auch mal die Zügel schleifen lässt. Vielleicht ist das am Ende gut für die Kondition und auch um seine Schwächen besser zu kennen. Mal schauen.

Punkt 2: Defensivdebakel

Am Schwachpunkt der letzten Saison, der desaströsen Defensive, hat sich nicht viel geändert. Wir haben grade mal 3 Gegentore weniger als zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison (21 vs. 24). Das trotz eines grundsoliden Sokratis, eines besseren Torwarts (sorry Weide), und eines Hummels der bis auf 2-3 Aussetzer teilweise fast schon wie der alte gespielt hat (er hat die zwei Liga-Niederlagen und den Krasnodar-Elfer auf der Kappe, aber bei fast allen anderen Spielen solide bis gut gespielt). Woran liegt's? Systemumstellung kann ja nicht für alles herhalten. Ich frage mich ob Tuchel da was dran ändern will. Mir gefällt zwar der Fussball den wir momentan spielen *weil er torreich ist*, aber bleiben wir mal realistisch: Wenn Auba mal verletzt ist sind wir ziemlich "am Ar***". Ohne den Beinahe-Hinrundentorrekord im Angriff (nur 6 mal hatte ein Team nach 16 Spieltagen mehr Tore, einmal der BVB, 1963) sähe die Geschichte anders aus. Meiner Meinung nach ist das einer der beiden wichtigsten Hauptpunkte die verbessert werden müssen.

Punkt 3: Schlafmützigkeit zu Spielbeginn

Nach dem 0:3 in Odds nach 22 Minuten dachte man sich "okay, das war lustig, aber jetzt weiss man dass man auch in den ersten 5, 10, oder 20 Minuten wach sein muss". Sowas passiert ja sicher nicht nochmal, richtig? Naja, oder doch. So ungefähr in jedem zweiten Spiel kassieren wir lächerliche Gegentore in der Anfangsphase. Generell kassieren wir zuviele Tore, und zuviele dumme Tore, siehe Punkt 2 - aber das gute ist dass wir auch genau wissen wann, nämlich relativ oft zu Spielbeginn. Das muss doch echt mal abgestellt werden. Ich frage mich ob hier Tuchel's neuer Spielstil (bedachter Ballbesitzfussball mit kontrollierten Offensivaktionen) mit Klopp's alter Mentalität ("haut alles raus von Anfang an!") kollidiert, und da einfach noch Mechanismen fehlen, wie man auf plötzlichen Ballverlust reagiert. Im Prinzip schlagen uns alle Gegner mit Klopp'schen Waffen in der Anfangsphase: Umschaltweltmeisterfussball.

Punkt 4: Von Klopp zu Tuchel - der Systemwechsel

Klopp's System kann man wohl grob in zwei Worten beschreiben: Gegenpressing und Umschaltfussball. Das ist ja nicht neu, wie eigentlich kaum irgendwas im Fussball wirklich neu ist, aber das extrem frühe Draufgehen und dann mit vielen Leuten nach vorne stürmen war halt immer ein Markenzeichen von Klopp. Was viele vergessen ist dass er dabei aber nie die Defensive Absicherung vernachlässigt hat, und wir in den ersten 6 Jahren nur so verdammt erfolgreich waren weil er als allererstes nach seiner Ankunft 2008 die Defensive stabilisiert hat. (Und dann hatte er natürlich auch Schweineglück mit dem Dream-Defensivteam Hummels, Subotic, Schmelzer, Piszczek, eingerahmt von Weide und Manni, was jahrelang ein überragender Kern war.) Tuchel ist ja ausgesprochener Fan von Guardiola und Tiki-Taka (und hat sich wohl oft mit Pep unterhalten, wird kolportiert), und auch wenn er selbst gesagt hat dass er nicht Tiki-Taka kopieren will, sehe ich nur wenige Unterschiede. Was extrem auffällt ist dass viel weniger Vertikalpässe als unter Klopp gespielt werden, und extrem oft wird der Ball von links nach rechts und zurück vor dem gegnerischen Strafraum gespielt, was zu absurden Handball-ähnlichen Stafetten führt. Generell glaube ich dass Klopp's System besser war wenn man der Underdog ist (Gegenpressing und Umschaltfussball ist halt super wenn der Gegner das Spiel macht), und Tuchel's System besser funktioniert wenn man der Favorit ist (Ballbesitz und Kontrolle ist halt toll, damit war Barca ewig lang erfolgreich). Es ist halt weniger chaotisch und basiert stark darauf dass man die bessere Mannschaft ist - weshalb wir gegen Bayern so brachial untergegangen sind. Ich glaube dass wir mit dem System Tuchel stark darauf angewiesen sind dass man Stars behält und neue bekommt, aber wenn Spieler wie Mickey und Gündogan nun plötzlich gehen würde, wären das schon schwer zu stopfende Lücken; nicht nur im Kader, sondern im System. Dazu kommt dass wir in der EL, falls wir Porto besiegen, wir so einige Teams treffen denen wir glaube ich (noch) nicht gewachsen sind. So ein krasser Systemwechsel braucht einfach Zeit.

Punkt 5: Die "Neuzugänge"

Zu Mkhitaryan muss man ja wohl kaum viel sagen. Ich hoffe nur dass Tuchel und er sich nicht nur für eine Saison gefunden haben und sein Berater die Leistungen als gute Präsentation sieht, sondern er bleibt (sowohl im Verein als auch auf dem Niveau). Ähnliches gilt für viele Spieler - Kagawa (wobei zuletzt leicht abfallend), Gündogan, Ginter... so einige "Neuzugänge". Auba ist so richtig explodiert, und man kann nur hoffen dass er die Form einigermassen hält; wenngleich wir alle schon genug Spielzeiten gesehen haben um zu wissen dass er nicht nochmal 18 Tore in der Rückrunde schiessen wird. Auch Castro hat sich mittlerweile mehr und mehr reingespielt. Die absolute Bombe aber ist Weigl. Insgesamt sehr gute Entwicklungen. Von den regelmässig eingesetzten Spielern ist wohl nur Reus ein Problemfall; er ist halt nicht auf dem Niveau auf dem er sich selbst sieht (Tuchel: "ich mach dich Weltklasse"). Mehr noch als seine Leistungen beschäftigt mich ob er wirklich langfristig mit dem BVB plant. Ich hatte das Gefühl dass er eigentlich zu Barca will, aber ging ja nicht wegen der Transfersperre. Nun hoffe ich dass Barca ihn nicht will (wegen der Verletzungsanfälligkeit) und er einsieht dass er da keine Chance hat (er ist halt nicht besser als einer aus dem MSN-Trio). Sollte er gehen, wird ja gemeinhin vermutet dass Auba auch geht, und dann wäre ein Ausverkauf nur schwer zu vermeiden. Einige werden wohl eh gehen - wenn die Rückrunde ähnlich wie die Hinrunde läuft, kann ich mir nicht vorstellen dass Subotic und Ramos sich das weiter angucken.

Fazit

Super Hinrunde, die mich positiv überrascht hat; die Niederlage gegen Bayern war einkalkuliert (wenngleich zu hoch), die Unentschieden waren Schiri-Witze. Die EL-Auftritte waren Resultat der Tatsache dass Tuchel zu oft Spieler geschont hat. Das einzig wirkliche dumme, unnötige Spiel war Hamburg; ansonsten kann man kaum mehr erwarten. Ich persönlich glaube nicht dass die Rückrunde genauso torreich wird (die Gegner werden sich nun besser einstellen da jeder einmal gegen Tuchel gespielt hat, und wie bereits geschrieben kann ich mir nicht vorstellen dass Auba so weitermacht, dann wäre er auf Gerd-Müller-Kurs). Darum behaupte ich dass in der Rückrunde die Abwehrschwächen abgestellt werden müssen. Dann kann, mit etwas Glück (d.h. wenn Bayern schwächelt, was sie in jedem Guardiola-Bayern-Frühjahr getan haben), noch nach oben schielen. Nach unten wird kaum was passieren, dafür sind alle Konkurrenten schon zu weit weg; darum glaube ich dass selbst die CL sogar schon sicher ist. In der EL habe ich kein gutes Gefühl; wie oben beschrieben glaube ich dass Tuchel's System nur schwer gegen dominante Gegner bestehen kann, und das EL-Feld ist dieses Jahr halt einfach nur abartig (mögliches Finale z.B. LFC-MUFC).

So, genug geschwafelt. Was meint ihr?

CowSlayer
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Re: Der "neue" BVB unter Tuchel: Euer Fazit?

Beitrag von CowSlayer » 07.01.16 22:35:39

Bagstone hat geschrieben:So, genug geschwafelt. Was meint ihr?
https://www.youtube.com/watch?v=Ld35lMnFQ10

simplown
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Re: Der "neue" BVB unter Tuchel: Euer Fazit?

Beitrag von simplown » 14.01.16 18:30:11

Frohes Neues!

Ich find gut das man dem Team meistens ein Matchplan ansieht. Bin von den gelupften Bällen über die Abwehr auf die einlaufenden Außen begeistert. Der Ginter mit seinen langen Haxen kann die immer gefährlich reinbringen.. leider haben sich mitlerweile auch viele darauf eingestellt.
Etwas mehr Ballbesitz tut uns auch ganz gut..
Abwehr leider immernoch unterirdisch.. Liegt aber nicht an der Abwehrreihe sondern an den sechsern die bei uns eher 8er und 10er sind.. Ein Gündogan gewinnt selbst mit 10kg weniger nichtmal inner Kreisliga n Sprintduell.. Castro auch zu pomadig/klein.. dafür bissl kräftiger... kagawa,reus,mikki,obama etc pp. haben mit Abwehr genausoviel am Hut wie ne Nonne vom Kinder kriegen.
Im Tor hätte ich gern Weidenfeller zurück weil Bürki hat sich meiner Meinung nach zuviele Patzer die zu direkten Gegentoren geführt haben geleistet..
Ich finde auch den Kollegen Weigl etwas overrated.. er ist zwar für sein Alter krass.. aber ein Manni find ich immernoch solider... Ich find der Weigl spielt nur Alibipässe und lässt sich beim kleinsten Kontakt fallen(das wird uns international zum Verhängnis werden).

Overall: bin mitm 2. Platz sehr zufrieden.. wird wohl nich mehr drin sein.. weniger sollte es aber auch nicht sein.

Gruß
#bvb09

Maiki
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Re: Der "neue" BVB unter Tuchel: Euer Fazit?

Beitrag von Maiki » 26.09.17 03:09:47

Der neue BVB wird deutscher Meister.

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