Kicker-Ödnis

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Leguanson
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Kicker-Ödnis

Beitrag von Leguanson » 14.07.12 14:01:09

Der Kicker ist eine Institution, keine Frage. Früher habe ich mir die Printversion regelmäßig gekauft, heute vergeht eigentlich kein Tag, wo ich nicht mind. 1-2 Mal drübersurfe. Es mag an der Sommerpause liegen, dass mir nun etwas besonders stark auffällt, was mich aber eigentlich schon ziemlich lange stört. Der Kicker ist ein unheimlich ödes Blatt geworden. Besonders angriffslustig und investigativ ist der Kicker freilich schon lange nicht mehr, meilenweit entfernt von den Anfängen unter Walther Bensemann, der mit klassischem, rhetorisch gewitzten und polemischen Meinungsjournalismus auftrumpfte. In den letzten Jahren ist der austauschbare Einheitsbrei im Blatt aber noch ein bisschen glatter geworden, wie mir scheint. Die öde Schlichtheit der Texte langweilt bis zum Äußersten, die abgefeilten, nurnoch PR-gerecht phrasenhaften Interviews gesellen sich entsprechend dazu. Selbst gelegentliche Kommentare und Glossen sind vergleichsweise zahm, wenn man etwas Flottes lesen will, muss man grundsätzlich andere Seiten, entweder Blogs oder den ein- oder anderen Sportteil einer größeren Zeitung ansteuern.

Natürlich hat das Methode. Der Kicker will so wenig wie möglich polarisieren, um das Blatt aller Fußballfans zu sein, und wenn sie mal laut Beifall klatschen oder in einen Verriss mit einstimmen, dann immer erst, nachdem sie abgewartet haben, ob das der vox populi entspricht.

Der Höhepunkt der faden Unwichtigkeit wird mE mit den Artikeln über Ranglisten deutscher Fußballspieler in Form eines Saisonrückblicks erreicht. Jeder Bundesligafan hat über die Saison unendlich viele eigene Eindrücke gewonnen, journalistische Einordnungen und Einschätzungen von Fachleuten zum Saisonverlauf dieses und jenes Spielers gelesen, und das wird dann vom Kicker nochmal im großen Stil aufgewärmt, ohne auch nur im Ansatz irgendeine neue, überraschende Facette der Analyse zu bieten. Ich frage mich, was das mit "Fachblatt" zu tun hat. Das ist einfach nurnoch "Schwachblatt".

Vor allem, wenn man bedenkt, dass derzeit ein Erdbeben durch die FIFA geht und auch die deutsche Journalistik langsam aus dem Tiefschlaf erwacht und geharnischte Anti-Blatter- und Anti-Havelange-Artikel schreibt, taucht diese Entwicklung im Kicker nur auf der virtuellen Seite 10-12 (so ungefähr) auf, und dann auch nur in Form eines kurzen Agenturpastings. Lachhaft.

Wenn ich könnte, würde ich der Chefredaktion mal mit nem Kung-Fu-Tritt die Eier aufmischen. Das ist echt zum Lila-Haare-Kriegen.
Eurosport: Gibt es etwas, was Ihnen nicht gefällt am heutigen Fußball?
Ronaldinho: Ich mag alles am Fußball, alles. Was mir nicht gefällt, ist, nicht spielen zu können. Es wäre perfekt, wenn ich immer spielen könnte.

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Beitrag von zzAng » 14.07.12 20:16:09

Forumsommerloch oder was? Hab den Kicker NIE gekauft, aber lese seit Jahren online... das is also die Benchmark für meine Beurteilung.

Kicker ist für mich eigentlich nur sachlich informativ. Meistens haben sie relativ sichere Quellen was Gerüchte angeht, Kicker is dahingehend noch ein Qualitätssiegel. Kommentare, Meinungen oder ähnliches erwarte ich gar nicht von diesem Blatt. Manchmal haut die Chefredaktion ja was raus, aber meistens is es überflüssig...

Habe das Gefühl es liegt am Recruiting der Redaktion. Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass die meisten Schreiber dort Fachidioten sind, die zwar Ahnung von Fußball und Taktik haben etc, aber nicht über den Tellerrand hinausschauen. Größere Tageszeitungen sind breiter aufgestellt und können bei Themen wie Doping oder Korruption einen Mann mit natur- oder sozialwissenschaftlichem Background abstellen, der dann halt mal in die Tasten haut.
Und da es ohnehin nicht Policy von Kicker zu sein scheint solche Themen zu vertiefen, haben kluge und gut ausgebildete Köpfe keinen Anreiz für den Kicker zu schreiben.

Zudem hatte Kicker früher eine Art Informationshoheit. In Sachen Fußball waren sie am Besten informiert. Durch das Internet, den einfachen Zugriff auf alle nationalen und internationalen Nachrichtenportale und auch durch Quellensammler wie transfermarkt.de ist weniges, was kicker zu bieten hat, exklusiv.

Was ich am schlechtesten umgesetzt finde sind die Videos bzw. dieses kicker TV. Eigentlich eine gute Idee und die bewegten Bilder sind ja meistens auch ganz schön, aber meistens geht der Informationsgehalt gegen null. Dachte durch die Kooperation mit SPIEGEL könnte es Synergieeffekte geben aber Pustekuchen... Sind anscheinend nur zwei große Labels um ein breiteres Publikum zu erreichen.
:D

Leguanson
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Beitrag von Leguanson » 14.07.12 22:32:44

Ja, das mit dem Tellerrand ist ein guter Punkt, in der Tat werden offenkundig vor allem Fußballnerds mit entsprechender Laufbahn und Kontakten eingestellt. Bzgl. dem mitunter kolportierten Umstand, dass das automatisch die "Fußballfachleute", gar noch die führenden in Deutschland seien, bin ich allerdings skeptisch. Bei Eurosport etwa schreiben die Bundesligaspielberichte größtenteils Studenten, die die Spiele vorher auch tickern, gegen ne recht bescheidene Aufwandsentschädigung (Honorar will ich das bewusst nicht nennen). Und ich konnte keine großen qualitativen Unterschiede zu den "Analysen" der Kickerreporter erkennen. mE herrscht auch da biedere Wiedergabe des Offensichtlichen vor. Verlässliche Information vor allem bzgl. Transfers ist wohl wirklich der größte Trumpf dieses Blattes. Aber das ist letztlich keine große Sache. Mit ein bisschen Medienkompetenz ist man da auch mit Bild in der Regel nicht viel weniger seriös, dafür aber fast immer schneller informiert.
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Beitrag von Bagstone » 16.07.12 04:35:34

Gut dass zzAng es bereits gesagt hat, sonst wuerde ich hier nun die offensichtlichen Verbindungen betonen (Qualitaetsabfall und 2 Presserat-Ruegen seit Beginn der Spiegel-Kooperation). Aber mal im Ernst, vielleicht liegt's am neuen Chefredakteur, die haben ja in den letzten Jahren die Spitze gewechselt...

Ich stelle fest dass ich frueher mehrfach taeglich auf Kicker gesurft bin, heute kaum noch. Einer der Gruende ist dass ich in meinen Tageszeitungen frueher oft las "nach Informationen des Kicker...", was heute selten der Fall ist; die Sportredaktionen der normalen Tageszeitungen haben Kicker einfach den Rang abgelaufen wenn es darum geht, interessante Interviews an Land zu ziehen. Ich lese auf jeden Fall deutlich oefter im Zusammenhang mit Sportnews "nach Informationen des Spiegel" als "nach Informationen des Kicker". Jedesmal frage ich mich dann, ob die Spiegel-Sportredaktion (die imho absolut inkompetent ist) wirklich schneller ist oder ob im Zuge der Kooperation auch die Credits fuer Interviews "abgetreten" werden.

Wie auch immer, ich stimme zu dass Kicker ein langweiliges Blatt geworden ist, aber widerspreche im Punkt mit den Statistiken - grade die Rangliste des deutschen Fussballs ist eine der wenigen Sachen fuer die ich noch gezielt den Kicker ansurfe. Natuerlich nur um anschliessend festzustellen dass diese totaler Crap ist. Aber immerhin polarisiert dieser Mist ein bisschen.

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